Startseite Großschönau Verzwickter Dschungel aus Papier
Spendenaufruf zum Neubau der Orgel in der Kirche
Sie kennen sicher die Kirche Großschönau. In den letzten Jahren ist es gelungen, die Kirche innen und außen zu sanieren, so dass sie heute in schmuckem Zustand präsentieren kann. Nun steht der Orgelneubau auf dem Plan. Bereits seit der letzten großen Sanierung 1994/1995 wurde dem Kirchenvorstand von Orgelsachverständigen dringend ein Neubau empfohlen. Beim letzten großen Umbau 1948 wurden elektrotechnische Teile verwendet, die heute hoffnungslos veraltet und nicht mehr aufarbeitbar sind. Die Baugenehmigung vom Landeskirchenamt ist erteilt und sieht den Neubau einer mechanischen Orgel mit einer Bausumme von 450.000 Euro vor.
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Verzwickter Dschungel aus Papier

Es war wohl auf einer Messe, auf der Johann Gottfried Haebler, Damastfabrikant aus Großschönau, Brasilien für sich entdeckte. Nicht das Land, wohl aber die wildromantische Vorstellung, die das Großbürgertum im 19. Jahrhundert damit verband. Wilde Tiere, nackte Ureinwohner, die sich von Baum zu Baum hangeln, undurchdringlicher Palmenwald und geheimnisvolle Flüsse. Haebler holte sich diese Fantasien als Tapete in den Gartensaal seiner Großschönauer Villa. „Les vues du Bresil“ (Ansichten von Brasilien) wurde nach Vorlagen des berühmten Augsburger Malers und Südamerika-Reisenden Moritz Rugendas gestaltet. Bunt bedruckt mit 1693 Holzmodeln aus kostbarem Kirschbaumholz, wie Restauratorin Ulrike Brichzin über hundert Jahre später in dedektivischer Kleinarbeit herausfand. Eine fremde Welt auf 30 Bahnen festem Papier.



Das „alte Zeug“ abhacken

Die Jahre vergingen – die Villa wurde Gemeindeamt, die Tapete zum „alten Zeug“, das die Verwaltung Großschönaus abhacken lassen wollte. Ein örtlicher Malermeister rettete die Bahnen, zog sie auf Sauerkrautplatten auf. Jahrelang lagerten die brasilianischen Ansichten unter ungünstigen Bedingungen im Damast- und Frottiermuseum. Das Papier bekam gelbe und braune Verfärbungen, Risse und Wasserränder, an manchen Stellen lockerten sich Farbschichten.

1984 gingen die Bahnen (bis auf vier verschollene) aus Platzgründen ans Völkerkundemuseum nach Dresden. Und dort begann Ulrike Brichzin eine Jahrzehnte andauernde Rettungsarbeit, die nun abgeschlossen ist. Die Ureinwohner zwischen Bäumen, der Ausritt der feinen Herren, die Jagd auf wilde Stiere – haben ihre faszinierende Fremdartigkeit zurückgewonnen. In der Öffentlichkeit, auch in Großschönau, ist die Tapete weitgehend vergessen. Im Damast- und Frottiermuseum erinnern sich heutige Mitabeiter nur dunkel an das Thema. Bei den Nachfahren von Johann Gottlieb Haebler ist „Les vues du Bresil“ jedoch im Gedächtnis geblieben. Eine Generation hat die Erinnerung an die wilde, bunte Welt an die nächste weitergegeben. Und die Haeblers wollen sie nun zurück.

Ein entsprechender Antrag liegt den Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsens vor, die ihren Sitz in Leipzig haben. Der große Aufschrei der Entrüstung jedoch unterbleibt. Claus Deimel, Direktor der Sammlungen, begründet: „Die Tapeten sind nicht einmalig. Es gibt sie bereits im Tapetenmuseum in Kassel. Außerdem wurden sie nur nach Vorlagen von Moritz Rogentas gefertigt und nicht von ihm selbst.“ Darum seien sie nicht so wertvoll. In die Oberlausitz ist „Les vues du Bresil“ zudem dreimal gelangt: Neben der Villa in Großschönau zierte sie den Sommersitz des Bautzener Domkapitels in Schirgiswalde. Außerdem hing sie im Niederruppersdorfer Schloss und ging von dort nach Schloss Wesenstein. Laut Deimel konnte das Museum die Großschönauer Bahnen noch nie in einer Ausstellung zeigen, weil sie thematisch nicht passen. Auch in Zukunft sei das nicht geplant. Ob die Tapete an die Nachfahren geht, wird geprüft. „Wir müssen dabei bedenken, wir haben tausende von Euro in die Restaurierung gesteckt“, so Deimel.

Großschönau zeigt Interesse

Ihm wäre am liebsten, ein regionales Museum der Oberlausitz nähme sich der Tapete an und zeigte sie dort, wo es eine historische Verbindung gibt zwischen Ort und bunter Bilderwelt. Das Damast- und Frottiermuseum Großschönau wäre eine Adresse. Dort kann man sich die Rückkehr der Tapetenbahnen theoretisch vorstellen. Auch wenn das eine Platz- und Lagerungsfrage ist. Aber immerhin gab es in Großschönau ja mal einen Tapetenfabrikanten – auch der war ein Haebler.

 

 

Quelle: Sächsische Zeitung vom 30.08.2010 Autorin: Irmela Hennig

 

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